SELBSTSTÄNDIGKEIT

Scheitern wir daran, dass unsere Kunden schneller sind als wir? Was KI für Selbstständige bedeutet

Von Leonie & Markus Walter · · ca. 8 Min. Lesezeit

Scheitern wir daran, dass unsere Kunden schneller sind als wir? Was KI für Selbstständige bedeutet

Was bedeutet KI für Selbstständige, auch wenn sie selbst kaum damit arbeiten?

KI verändert vor allem, wie deine Kunden suchen, vergleichen und entscheiden, und zwar unabhängig davon, wie du selbst zu KI stehst. Abwarten ist deshalb die riskanteste Reaktion: Prüf jetzt, was sich in deinem Markt verändert, und pass Angebot, Positionierung und die Wege an, auf denen Interessenten dich finden.

Wir erleben das gerade in vielen Gesprächen. Und es erinnert uns stark an 2020.

Egal, wie du zu KI stehst

Manche stehen KI skeptisch gegenüber. Manche haben sie noch nicht einmal ausprobiert und befürchten trotzdem, dass sie irgendwann alles übernimmt. Und manche mögen KI-Texte und KI-Bilder einfach nicht, weil ihnen das Menschliche darin fehlt.

Alle diese Einstellungen sind verständlich. Für dein Business spielen sie allerdings eine kleinere Rolle, als man denkt. Denn deine Kunden suchen heute anders, vergleichen anders und entscheiden anders. Mit KI, wegen KI, oft ohne es selbst zu merken.

„KI geht an mir vorbei." Diesen Satz hören wir in diesem Jahr in vielen Gesprächen. Oft folgt gleich der nächste: „Alles geht so schnell, ich komme gar nicht mehr hinterher."

Da ist die Trainerin, deren Teilnehmende sich Grundlagen inzwischen per Chatbot holen, bevor sie überhaupt ins Seminar kommen. Da ist der Coach, der merkt, dass Interessenten anders nach Unterstützung suchen als noch vor zwei Jahren. Und da ist die Inhaberin einer Massagepraxis, die sich fragt, was das alles mit ihr zu tun haben soll, und gleichzeitig spürt, dass neue Kundinnen seltener über die alten Wege kommen.

Viele von ihnen haben denselben Reflex. Erst einmal abwarten. Mal sehen, ob sich das wirklich durchsetzt. Vielleicht beruhigt es sich ja wieder.

Diesen Reflex kennen wir. Wir haben ihn schon einmal erlebt.

Was 2020 passiert ist

In unserer Kontaktliste stehen Trainerinnen und Trainer, die 2020 an ihrem Offline-Geschäft festhalten wollten, weil Seminarräume, Flipcharts und die Energie einer Gruppe genau ihre Arbeit waren. Coaches, die sich gesagt haben: Das geht online nicht. Menschen mit einem Business vor Ort, die ohnehin nichts umstellen konnten. Und solche, die alles umgebaut haben und bei denen es trotzdem nicht funktioniert hat.

Viele haben damals vor allem auf eines gehofft: dass alles wieder wird wie vorher.

Es ist nicht wieder geworden wie vorher. Menschen haben sich an Online gewöhnt. An Meetings per Video, an Weiterbildung vom Schreibtisch aus, an Beratung ohne Anfahrt. Vieles davon ist geblieben, auch als die Türen längst wieder offen waren.

Wer auf den alten Zustand gewartet hat, hat sich in vielen Fällen bis heute nicht erholt. Manche zahlen noch immer Corona-Hilfen zurück. Manche sehen sich als gescheitert, andere als Opfer der Umstände. Beides ist menschlich. Beides bringt das Business nicht wieder in Bewegung.

Zwischen 2020 und heute gibt es allerdings einen entscheidenden Unterschied. Damals kam die Veränderung über Nacht. KI sieht man kommen.

Wer heute zögert, steht noch vor der Entscheidung. Damals standen viele schon danach.

Warum ist Abwarten bei KI so riskant?

Abwarten ist riskant, weil deine Kunden in der Zwischenzeit weiterziehen und du es erst merkst, wenn Anfragen und Umsatz schon fehlen. Scheitern beginnt selten mit einem großen Fehler. Häufiger beginnt es mit der Hoffnung, dass sich eine Entwicklung von selbst erledigt, wenn man nur lange genug abwartet.

Viele sind 2020 weniger an der Krise gescheitert als an dieser Hoffnung. Während sie gewartet haben, waren ihre Kunden längst weitergezogen. Genau das kann sich jetzt wiederholen: Unsere Kunden sind schneller als wir. Sie probieren neue Wege aus, während wir noch überlegen, was wir von KI halten. Gescheitert wird dabei selten mit einem Knall. Es passiert schleichend, und man merkt es erst am leeren Kalender und am sinkenden Umsatz.

Das Gefühl, von KI überrollt zu werden, hat dabei meistens mit Tempo zu tun. Mit Können hat es wenig zu tun. Wer seit Jahren erfolgreich mit Kunden arbeitet, hat Erfahrung, Urteilsvermögen und ein Gespür für Menschen. Das alles wird nicht weniger wert, nur weil sich die Werkzeuge und die Wege zum Kunden verändern. Es muss nur in einem Markt ankommen, der anders funktioniert als früher.

Wenn alles schneller wird, ist die wichtigste Frage, wer lenkt.

Was solltest du jetzt in deinem Business anpassen?

Anpassen solltest du vor allem das, was sich in deinem Markt tatsächlich verändert: dein Angebot, deine Positionierung und die Art, wie Interessenten dich finden. Mit jeder neuen Entwicklung Schritt halten musst du dafür nicht.

Mit KI sehen wir gerade dieselben Hoffnungen wie 2020. Dass Kunden bald wieder so nach Anbietern suchen wie früher. Dass Wissen wieder gekauft wird, weil es eben doch nicht jeder per Klick bekommt. Dass Aufträge wieder vermehrt über Empfehlungen kommen und man sich um den Rest nicht kümmern muss.

Wir verstehen diese Hoffnungen gut. Aus allem, was wir seit 2020 beobachten, glauben wir aber nicht daran. Das Rad dreht sich weiter, und es dreht sich schneller als damals. Wer darauf wartet, dass es stehen bleibt, wird das über kurz oder lang an seinen Zahlen merken. Deshalb gibt es aus unserer Sicht als Business-Mentoren nur den Weg nach vorne: das eigene Business an den Markt von heute anpassen.

Die Ausgangslage entscheidet dabei darüber, wie schnell du umstellen kannst. Wer weniger Reserven hat, braucht vielleicht kleinere Schritte und mehr Unterstützung. Über die Richtung entscheidet die Ausgangslage nicht.

Woran erkennst du, dass du bei KI eher abwartest?

Du wartest wahrscheinlich eher ab, als selbst zu lenken, wenn du viel über KI liest und wenig daran änderst, wie du arbeitest und gefunden wirst. Diese Signale können darauf hinweisen:

  • Du sammelst Artikel, Videos und Newsletter über KI, probierst aber selbst kaum etwas aus.
  • Du sagst dir: „Ich schaue mir das an, wenn sich der Staub gelegt hat."
  • Neue Anfragen kommen seltener, und du erklärst dir das mit einer ruhigen Phase.
  • Du hoffst, dass Empfehlungen auffangen, was über andere Wege wegfällt.
  • Beim Gedanken an dein Angebot in zwei Jahren wird dir unwohl, und du schiebst ihn schnell wieder weg.

Wie verändert KI das Business von Trainern, Coaches und Praxen?

KI verändert bei diesen Selbstständigen vor allem zwei Dinge: welche Teile ihres Angebots Kunden noch bezahlen und wie neue Kunden sie finden. Vier Beispiele:

Die Trainerin, deren Teilnehmende schon vorbereitet kommen. Grundlagenwissen ist heute für viele nur eine Frage an einen Chatbot entfernt. Für die Trainerin heißt das, genauer hinzuschauen, was in ihren Seminaren nie reine Wissensvermittlung war: das Üben, das Feedback, die Gruppe, die sich gegenseitig weiterbringt. Wer das in den Mittelpunkt stellt, hat ein Angebot, das ein Tool nicht ersetzt.

Der Coach, der sich fragt, wo seine Interessenten eigentlich suchen. Wenn Menschen sich Empfehlungen und Einschätzungen zunehmend über KI-Tools holen, stellt sich für ihn eine neue Frage: Taucht er dort überhaupt auf? Und versteht jemand, der ihn findet, sofort, wofür er steht? Hier geht es weniger um Technik als um Positionierung.

Die Massagepraxis, die mit KI scheinbar nichts zu tun hat. Massieren wird auch in Zukunft niemand per Software. Wie neue Kundinnen eine Praxis finden, vergleichen und buchen, verändert sich trotzdem. Wer das ignoriert, merkt es zuerst an einem Kalender, der langsam leerer wird, obwohl die eigene Arbeit so gut ist wie immer.

Der Trainer, der 2020 alles umgestellt hat, ohne dass es funktioniert hat. Er hat damals getan, was überall empfohlen wurde: Online-Seminare aufgesetzt, Technik gekauft, Werbung geschaltet. Die Buchungen blieben weit hinter dem zurück, was er vorher hatte. Rückblickend lag es weniger am Format. Angebot und Zielgruppe hätten mitwachsen müssen. Genau das ist die Lehre, die er heute mitnimmt: Ein neues Werkzeug allein verändert noch kein Business.

In unser Mentoring kommen gerade genau die Selbstständigen, die diesen Gedanken für sich verstanden haben. Sie sagen sinngemäß: Es wird nicht wieder wie früher. Ich muss mein Business anpassen. Vielleicht muss ich an meiner Positionierung feilen. Und ich muss dafür sorgen, dass mich die richtigen Interessenten überhaupt finden. Für uns ist das der Moment, in dem die eigentliche Arbeit beginnt.

Was du mitnehmen kannst

  • Schreib auf, wie deine letzten fünf Neukunden zu dir gefunden haben, und vergleich das mit der Zeit vor drei Jahren.
  • Frag einen KI-Assistenten so nach Anbietern für dein Thema, wie es ein Interessent tun würde, und schau, ob und wie du dort auftauchst.
  • Trenn in deinem Angebot die reine Wissensvermittlung von dem, was nur mit dir funktioniert: Üben, Feedback, Begleitung, Urteilsvermögen.
  • Such dir eine einzige Veränderung aus und probier sie mit festem Umfang aus, statt alles auf einmal umzubauen.
  • Sortier, was du nicht beeinflussen kannst, und konzentrier dich auf den Teil, den du selbst lenkst.

Wir scheitern jedes Jahr ein wenig anders. Dieses Jahr vielleicht daran, dass unsere Kunden schneller sind als wir. Dagegen lässt sich etwas tun.

Dieser Artikel ist Teil der BlogWochen 2026

Mit diesem Artikel machen wir bei den BlogWochen 2026 mit, einer Blogaktion von Benedikt Müller, Robert Lender und Dirk Deimeke. Wir haben uns das Thema „Wir scheitern jedes Jahr ein wenig anders" ausgesucht, weil Selbstständige darüber selten offen sprechen.

Wenn du selbst bloggst, nimm das gerne als Einladung. Mitmachen kann jede und jeder, noch bis zum 15. Dezember 2026, mit einem Artikel zu einem oder mehreren der Themen. #BlogWochen2026

Übernimm das Steuer wieder selbst

Vielleicht hast du beim Lesen an den Moment gedacht, in dem du zuletzt dachtest: Das geht mir alles zu schnell.

Genau an dieser Stelle setzen wir in unseren Mentorings gerne einen kleinen Check an. Den stellen wir dir hier kostenfrei zur Verfügung: Zurück in den Driver-Seat

Und wenn du solche Gedanken magst: Jede Woche suchen wir eine neue Geschichte und schauen, welcher Gedanke darin für dein Business steckt. Hier kannst du unseren Newsletter abonnieren.

Häufige Fragen

+Muss ich als Selbstständiger selbst mit KI arbeiten?

Du musst KI nicht in jedem Arbeitsschritt einsetzen. Verstehen solltest du aber, wie deine Kunden sie nutzen, denn das verändert, wie sie suchen, vergleichen und was sie noch bezahlen. Am schnellsten verstehst du das, indem du die Tools einmal selbst so ausprobierst, wie es deine Kunden tun.

+Wie finden mich Interessenten über ChatGPT und andere KI-Tools?

KI-Tools greifen auf das zurück, was sie über dich finden: deine Website, deine Profile, deine Beiträge und das, was andere über dich schreiben. Je klarer dort steht, für wen du arbeitest und wofür du stehst, desto eher kann eine KI dich passend einordnen. Was Interessenten insgesamt über dich sehen, bevor sie dir schreiben, zeigt die Geschichte, warum sich Interessenten trotz gutem Angebot nicht melden.

+Ersetzt KI meine Arbeit als Trainer, Berater oder Coach?

KI ersetzt vor allem reine Wissensvermittlung, weil Grundlagen heute für viele eine Frage an einen Chatbot entfernt sind. Üben, Feedback, Urteilsvermögen und Begleitung durch einen Menschen lassen sich deutlich schwerer ersetzen. Prüf deshalb, welcher Teil deines Angebots wofür bezahlt wird, und stell den zweiten Teil in den Mittelpunkt.

+Wo fange ich an, wenn mir alles zu schnell geht?

Fang mit einer einzigen Veränderung an und gib ihr einen festen Umfang, zum Beispiel vier Wochen. Mit jeder Entwicklung Schritt halten zu wollen, macht das Gefühl, überrollt zu werden, nur größer. Wie du so einen Test sinnvoll begrenzt, zeigt die Geschichte, wie lange du eine neue Marketing-Idee testen solltest.

+Was, wenn ich 2020 schon umgestellt habe und es nicht funktioniert hat?

Dann hast du eine wertvolle Erfahrung: Ein neues Werkzeug allein verändert noch kein Business. Schau dieses Mal zuerst auf Angebot, Zielgruppe und Positionierung und erst danach auf Tools und Formate. Die Erfahrung von damals hilft dir, dieses Mal an der richtigen Stelle anzufangen.

Dir gefällt, was du liest?

Abonniere mehr Tipps und Inspiration mit unserem Newsletter.